Im Juni 1381 lagerten auf der Heide von Blackheath vor den Toren Londons Tausende Bauern und Handwerker aus Kent und Essex. Vor ihnen sprach ein Priester, der wenige Tage zuvor noch im Gefängnis gesessen hatte. Seine Predigt begann, so berichtet der Mönch Thomas Walsingham, mit einem Zweizeiler, der seither mit seinem Namen verbunden ist: When Adam dalf, and Eve span, who was thanne a gentilman? Als Adam grub und Eva spann, wer war da der Edelmann?
Der Mann hieß John Ball, und er stellte damit eine Frage, die sein Jahrhundert für ungehörig hielt: Woher nimmt ein Mensch das Recht, über die Arbeit, den Wohnort und die Heirat eines anderen zu bestimmen? Ball gehört an den Anfang einer langen Reihe von Menschen, die diese Frage gestellt haben, auch wenn er von Eigentumsrechten und Märkten noch nicht in unserem Sinn sprach.
Steckbrief
- Lebensdaten: geboren um 1338, hingerichtet am 15. Juli 1381 in St Albans
- Wirken: Priester, zuerst mit St Mary’s in York verbunden, später in Colchester; fast zwei Jahrzehnte lang Wanderprediger trotz Verbot, Kirchenbann und Haft
- Rolle 1381: Prediger und Wortführer im englischen Bauernaufstand
- Überlieferung: eine Predigt und einige kurze Briefe, wiedergegeben von den Chronisten Thomas Walsingham, Henry Knighton und Jean Froissart, die ihm alle feindlich gesinnt waren
- In einem Satz: Er bestritt öffentlich, dass Gott die Menschen als Herren und Knechte geschaffen habe, und bezahlte dafür mit dem Leben.
Ein Priester ohne Kanzel
Über Balls Herkunft weiß man wenig. Vermutet wird, dass er aus Peldon bei Colchester in Essex stammte, belegt ist das nicht. In einem Brief, der ihm zugeschrieben wird, nennt er sich „som tyme Seynte Marie prest of York, and now of Colchestre“, einst Priester von St Mary in York und nun von Colchester. Er gehörte zum niederen Klerus und zu jenen Geistlichen, die von Ort zu Ort zogen und dort predigten, wo Menschen zusammenkamen: auf Märkten, Friedhöfen und Feldern.
Die Obrigkeit hatte ihn früh im Blick. Schon im Februar 1364 widerrief König Eduard III. einen Schutzbrief für ihn mit der Begründung, Ball gehe keinem Geschäft nach, sondern ziehe von Land zu Land und predige Artikel gegen den Glauben der Kirche. Später wurde er exkommuniziert, und den Gläubigen wurde verboten, ihm zuzuhören. Ball predigte trotzdem weiter, wurde mehrfach eingesperrt und geriet immer wieder mit Simon Sudbury aneinander, dem Erzbischof von Canterbury. Als der Aufstand begann, saß er nach dem Bericht der Chroniken im erzbischöflichen Gefängnis von Maidstone in Kent. Der Historiker Andrew Prescott hält es allerdings für möglich, dass Ball derjenige John Ball war, den Aufständische am 11. Juni 1381 in Bishop’s Stortford befreiten.
England nach der großen Pest
Um zu verstehen, warum seine Worte zündeten, muss man auf die Jahrzehnte davor blicken. Die Pest von 1348 und 1349 hatte einen großen Teil der Bevölkerung getötet. Wer überlebte, war plötzlich gefragt: Arbeitskräfte wurden knapp, und die Löhne stiegen. Viele Bauern waren damals noch Hörige, an das Land ihres Grundherrn gebunden, zu Frondiensten verpflichtet und ohne seine Erlaubnis weder frei im Wegzug noch in der Heirat. Die Knappheit an Händen gab ihnen eine Verhandlungsmacht, die sie zuvor nicht gehabt hatten.
Die Krone antwortete mit Zwang. Ein Gesetz von 1351, das Statute of Labourers, sollte die Löhne auf den Stand vor der Pest zurückdrücken und bedrohte Verstöße mit Strafen. Hinzu kamen Kopfsteuern, um den Krieg gegen Frankreich zu bezahlen. Die erste wurde 1377 erhoben, die dritte beschloss das Parlament Ende 1380: im Schnitt zwölf Pence für jede Person über fünfzehn Jahre, dreimal so viel wie zuvor. Innerhalb eines Dorfes sollten die Wohlhabenden zwar mehr übernehmen, doch niemand zahlte weniger als vier Pence, und für eine arme Familie mit mehreren erwachsenen Kindern war das eine schwere Last. Als die Steuereinnehmer im Frühjahr 1381 in Essex nachkassieren wollten, verweigerten die Dörfer die Zahlung, und der Widerstand sprang rasch nach Kent über.
Die Predigt von Blackheath
Die Predigt, die Walsingham überliefert und auf den 12. Juni datiert, ist der Kern dessen, was wir von Ball wissen. Am Anfang, so lässt er Ball sagen, seien alle Menschen von Natur aus gleich geschaffen worden. Die Knechtschaft sei erst durch die ungerechte Unterdrückung böser Menschen in die Welt gekommen, gegen den Willen Gottes. Hätte Gott Knechte gewollt, so hätte er am Anfang der Welt festgelegt, wer Knecht und wer Herr sein solle. Nun sei die von Gott bestimmte Zeit gekommen, in der die Menschen, wenn sie nur wollten, das Joch der Knechtschaft abwerfen könnten.
Der Zweizeiler über Adam und Eva war vermutlich ein Spruch, der schon vor Ball umlief. Er gab ihm aber eine Wendung, die ihn gefährlich machte. Die Ordnung der Stände galt als gottgewollt, und wer die Herren gegen die Knechte in Schutz nahm, berief sich auf die Schöpfung. Ball drehte das Argument um: Gerade die Schöpfung kenne keine Herren. Damit stellte er die Herrschaft eines Menschen über einen anderen unter Begründungspflicht, und eine Begründung aus dem Willen Gottes ließ er nicht gelten.
Walsingham berichtet zugleich, Ball habe die Zuhörer aufgefordert, zuerst die mächtigsten Herren des Reiches zu töten, dann die Juristen, Richter und Geschworenen. Ob Ball das so gesagt hat, lässt sich nicht prüfen. Dass der Chronist es ihm zuschreibt, gehört aber zur Überlieferung und darf nicht weggelassen werden.
Gesehen durch die Augen seiner Gegner
Jeder Satz, den wir von John Ball kennen, ist durch die Hände von Männern gegangen, die ihn verachteten. Thomas Walsingham war Mönch der Benediktinerabtei St Albans, also eines der großen Grundherren, gegen die sich der Aufstand richtete. Jean Froissart, der 1381 nicht in England war, schrieb seine Chronik für ein adliges Publikum und nannte Ball in der englischen Übersetzung von Thomas Johnes einen „crazy priest in the county of Kent“, einen verrückten Priester aus Kent. Beide gestalteten die Reden frei, wie es in der Geschichtsschreibung ihrer Zeit üblich war.
Bei Froissart sagt Ball, in England stehe es nicht gut und werde nicht gut stehen, „until everything shall be in common“, bis alles gemeinsam sei und es weder Leibeigene noch Herren mehr gebe. Was Ball mit der Gemeinsamkeit der Dinge meinte, ob eine Eigentumsordnung oder das Ende der Standesunterschiede, sagt die Quelle nicht. Sicher ist nur, dass Froissart einen Mann zeigen wollte, der die Welt auf den Kopf stellen will.
Walsingham behauptet außerdem, Ball habe die Irrlehren des Oxforder Theologen John Wyclif verbreitet. Die Forschung hält das für Polemik, denn Ball predigte schon ein Jahrzehnt, bevor Wyclif Aufsehen erregte. Die Grundgedanken seiner Predigt, die ursprüngliche Gleichheit der Menschen und das Unrecht der Knechtschaft, kehren in allen Berichten wieder. Die Einzelheiten tragen die Handschrift der Erzähler.
Die Tage im Juni
Am 13. Juni 1381 zogen die Aufständischen nach London. Sie öffneten die Gefängnisse, zerstörten den Savoy-Palast des Königsonkels John of Gaunt und töteten Juristen, königliche Amtsträger und zahlreiche Flamen, die in der Stadt lebten. Am folgenden Tag traf der vierzehnjährige König Richard II. die Männer aus Essex in Mile End und versprach Briefe, die sie aus der Leibeigenschaft entlassen sollten. Zur selben Zeit drang eine andere Gruppe in den Tower ein und enthauptete Erzbischof Sudbury, der zugleich Kanzler war, und den Schatzmeister Robert Hales.
Am 15. Juni stellte Wat Tyler, der Anführer aus Kent, in Smithfield seine Forderungen. Nach der sogenannten Anonimalle-Chronik verlangte er, dass es keine Leibeigenen und keine Hörigkeit in England mehr geben solle und dass zwischen allen Menschen Gleichheit herrsche, ausgenommen allein den König. Kurz darauf stach ihn der Bürgermeister William Walworth nieder, Tyler wurde getötet, und der Aufstand zerfiel. Am 2. Juli widerrief der König die Freiheitsbriefe, die er in Mile End zugesagt hatte, da sie ihm abgepresst worden seien.
Ball wurde nach dem Zusammenbruch des Aufstands in Coventry gefasst. Man stellte ihn in St Albans vor Gericht, wo er sich, anders als die meisten Angeklagten, äußern durfte. Am 15. Juli 1381 wurde er in Gegenwart des Königs gehenkt, ausgeweidet und gevierteilt. Sein Kopf wurde auf der London Bridge aufgesteckt, die Teile seines Körpers in vier Städten ausgestellt. Wie sehr die Obrigkeit seine Wirkung fürchtete, zeigt ein Fall aus Cambridge: Dort wurde wenig später ein Mann namens John Shirle gehenkt, weil er Ball in einer Schenke gelobt haben soll.
Was nach ihm kam
Der Aufstand scheiterte, und doch erreichten die Bauern auf längere Sicht viel von dem, was sie verlangt hatten. Kopfsteuern dieser Art wurden nicht mehr erhoben. Die Leibeigenschaft verschwand im Laufe des 15. Jahrhunderts, ohne dass ein Gesetz sie abgeschafft hätte. Weil Arbeitskräfte knapp blieben, konnten Hörige bessere Bedingungen aushandeln, sich freikaufen oder einfach fortziehen, und die Frondienste wurden nach und nach durch Geldpachten ersetzt. Der Historiker Mark Bailey beschreibt, wie die erbliche Unfreiheit auf diese Weise, durch den stillen Druck vieler einzelner Abmachungen, bis zur Mitte des Jahrhunderts fast bedeutungslos wurde.
Ball selbst blieb vier Jahrhunderte lang ein Schreckbild, bis ihn gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Radikalen wiederentdeckten. Thomas Paine, der Ball selbst nicht erwähnt, verteidigte 1792 im zweiten Teil seiner Rights of Man Wat Tyler als einen unerschrockenen und uneigennützigen Mann, dessen Forderungen gerechter gewesen seien als die des Hofes. Der Sozialist William Morris machte Ball 1888 mit A Dream of John Ball zum Helden der Arbeiterbewegung. Seither berufen sich Linke ebenso auf ihn wie Freunde der Freiheit, und beide finden in den knappen Quellen etwas, das sie suchen.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Man sollte Ball nicht zu einem Libertären machen, der er nicht war. Er dachte in der Sprache der Bibel, erwartete eine von Gott bestimmte Stunde, und über Märkte oder Verträge hat er, soweit wir wissen, nichts gesagt. Spätere Denker wie John Locke begründeten die natürliche Freiheit des Menschen auf eigenen Wegen. Sein Beitrag liegt an einer früheren Stelle.
Er bestand darauf, dass Herrschaft sich rechtfertigen muss und dass Gewohnheit und Herkunft keine Rechtfertigung sind. Die Leibeigenschaft beruhte darauf, dass ein Teil der Arbeit, der Zeit und der Lebensentscheidungen eines Menschen einem anderen gehörte. Ball nannte das Unrecht und berief sich dafür auf die höchste Autorität, die seine Zuhörer kannten. Der Gedanke, dass der Mensch von Natur aus niemandem gehört, kehrt in den späteren Lehren vom Selbsteigentum wieder, auch wenn keine belegte Linie von Ball zu ihnen führt.
Lehrreich ist auch der Anlass. Den Aufstand entzündete eine Steuer, die zur Finanzierung eines Krieges nach Köpfen erhoben wurde, und ein Gesetz, das Menschen verbot, für ihre Arbeit den Preis zu verlangen, den andere freiwillig zu zahlen bereit waren. Beides zeigt, wie eng Freiheit der Person und Freiheit des Tausches zusammenhängen. Und die Geschichte der folgenden Jahrzehnte lehrt, dass die Gewalt von 1381 der Freiheit wenig nützte, während die Verhandlungsmacht knapper Arbeitskräfte sie nach und nach herbeiführte.
Die Frage bleibt
John Ball hinterließ kein Buch, keine Schule und keine gesicherte Rede. Er hinterließ einen Reim und eine Frage, aufgezeichnet von Männern, die ihn widerlegen wollten. Dass die Frage dennoch überlebt hat, spricht für ihre Kraft. Jede Ordnung, die einen Menschen über einen anderen stellt, muss sich ihr stellen: Wer hat es so bestimmt, und mit welchem Recht? Ball hat sie einem Feld voller müder, wütender Menschen gestellt, und sie ist seither nicht mehr verstummt.
Zum Weiterlesen
- R. B. Dobson (Hrsg.): The Peasants‘ Revolt of 1381, Macmillan, London 1970, 2. Auflage 1983 (Quellensammlung mit Walsingham, Froissart, Knighton und der Anonimalle-Chronik)
- Juliet Barker: England, Arise. The People, the King and the Great Revolt of 1381, Little, Brown, London 2014
- Mark Bailey: The Decline of Serfdom in Late Medieval England, Boydell & Brewer, Woodbridge 2014
- William Morris: A Dream of John Ball, Reeves & Turner, London 1888
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Walsingham, Thomas: Historia Anglicana / Chronica maiora (Predigt von Blackheath, Briefe John Balls); Ausgabe: The St Albans Chronicle. The Chronica maiora of Thomas Walsingham, hrsg. und übers. von John Taylor, Wendy R. Childs und Leslie Watkiss, Bd. 1, Clarendon Press, Oxford 2003, S. 546–549.
- Froissart, Jean: Chroniques, Buch II, Kap. 73; englisch: Chronicles of England, France, Spain, and the adjoining countries, übers. von Thomas Johnes, Leavitt and Allen, New York 1857.
- Anonimalle-Chronik, Bericht über Smithfield, nach Charles Oman: The Great Revolt of 1381, Clarendon Press, Oxford 1906, S. 200–205; online: Internet Medieval Sourcebook, https://sourcebooks.fordham.edu/source/anon1381.asp
- Dobson, R. B. (Hrsg.): The Peasants‘ Revolt of 1381, Macmillan, London 1970, 2. Aufl. 1983 (Quellensammlung mit Walsingham, Froissart, Knighton, Anonimalle-Chronik; Predigt S. 375, Briefe S. 380–383).
- Calendar of the Patent Rolls, Edward III, Bd. XII, London 1912 (Letters patent vom 25. Februar 1364).
- Paine, Thomas: Rights of Man, Teil 2, London 1792, Kap. 5.
- Morris, William: A Dream of John Ball, Reeves & Turner, London 1888.
- Crossley, James u. a.: John Ball 1381, „The Historical John Ball“, https://johnball1381.org/historical-john-ball/ und „The Letters of John Ball“, https://johnball1381.org/letters/
- Prescott, Andrew: Artikel „Ball, John (d. 1381)“, in: Oxford Dictionary of National Biography, Oxford 2004, Online-Fassung 2008 (zitiert nach Crossley).
- Barker, Juliet: England, Arise. The People, the King and the Great Revolt of 1381, Little, Brown, London 2014.
- Bailey, Mark: The Decline of Serfdom in Late Medieval England. From Bondage to Freedom, Boydell & Brewer, Woodbridge 2014, https://boydellandbrewer.com/9781783271283
- Carlin, Martha: „Two Episodes from Froissart’s Chronicles“, University of Wisconsin–Milwaukee, https://sites.uwm.edu/carlin/?p=1020
- London Museum: „How the Peasants‘ Revolt rocked medieval London“, https://londonmuseum.org.uk/collections/london-stories/how-peasants-revolt-rocked-medieval-london
- The National Archives: „Revolt: The story of England’s first protest“, https://blog.nationalarchives.gov.uk/revolt-the-story-of-englands-first-protest/
- World History Encyclopedia: „Peasants‘ Revolt“, https://www.worldhistory.org/Peasants’_Revolt/
- Wikipedia (en): „John Ball (priest)“, https://en.wikipedia.org/wiki/John_Ball_(priest) (nur Einstieg)
Beitragsbild: John Ball (KI-Illustration, freie Darstellung)

