Am 20. August 1672 lynchte in Den Haag eine aufgebrachte Menge Johan de Witt, den langjährigen leitenden Staatsmann der Niederländischen Republik, und seinen Bruder Cornelis. Die Republik war im Krieg, französische Truppen waren ins Land eingefallen. In derselben Stadt wohnte zur Miete ein stiller Gelehrter, der am Ort der Tat einen Zettel anbringen wollte. Darauf sollten zwei lateinische Wörter stehen: Ultimi barbarorum, die äußersten der Barbaren. Sein Vermieter ließ ihn nicht aus dem Haus und bewahrte ihn so davor, selbst ein Opfer der Menge zu werden.
Der Gelehrte war Baruch de Spinoza, und wir kennen die Episode, weil er sie vier Jahre später Gottfried Wilhelm Leibniz erzählte, der sie aufschrieb. Zwei Jahre vor dem Mord hatte Spinoza ohne seinen Namen ein Buch veröffentlicht, das die Freiheit des Denkens und Redens zur Bedingung eines friedlichen Gemeinwesens erklärte. Was an jenem Augusttag geschah, zeigte ihm, wie zerbrechlich diese Freiheit war.
Steckbrief
- Lebensdaten: 24. November 1632 in Amsterdam bis 21. Februar 1677 in Den Haag
- Wirken: Philosoph, verdiente seinen Unterhalt unter anderem mit dem Schleifen optischer Linsen, lehnte 1673 eine Professur in Heidelberg ab
- Hauptwerke: Tractatus theologico-politicus (1670, anonym), Ethik (1677, posthum), Tractatus politicus (unvollendet, 1677 posthum)
- In einem Satz: Er begründete, dass kein Staat die Gedanken seiner Bürger regieren kann und dass ein Gemeinwesen, das sie frei denken lässt, friedlicher und wohlhabender ist als eines, das sie zum Schweigen zwingt.
Ein Kaufmannssohn verlässt seine Gemeinde
Spinoza wuchs in der Gemeinde der portugiesischen Juden in Amsterdam auf, deren Familien vor der Inquisition aus Portugal und Spanien gekommen waren. Sein Vater Michael war ein angesehener Kaufmann mit einem Importgeschäft. Mit siebzehn Jahren verließ der Sohn die Schule, um im Geschäft mitzuarbeiten, und führte es nach dem Tod des Vaters 1654 eine Zeit lang mit seinem Bruder Gabriel weiter. Zugleich gelangte er zu Ansichten über Gott, die Seele und die Schrift, die seine Gemeinde nicht hinnehmen wollte.
Am 27. Juli 1656 belegte ihn der Vorstand der Gemeinde mit einem Bann, dem härtesten, den sie je aussprach, und er wurde nie aufgehoben. Niemand durfte mit ihm reden oder ihm schreiben, mit ihm unter einem Dach weilen, ihm näher als vier Ellen kommen oder etwas lesen, das er verfasst hatte. Spinoza war damals 23 Jahre alt. Um 1660 zog er aus Amsterdam fort, zuerst nach Rijnsburg bei Leiden, 1663 nach Voorburg und schließlich nach Den Haag.
Er lebte bescheiden; das Schleifen optischer Linsen brachte ihm Einkünfte und entsprach zugleich seinem Interesse an der Naturforschung. Als sein Freund Simon de Vries ihm 2.000 Gulden schenken wollte, lehnte er ab, und als de Vries ihn zum Erben einsetzen wollte, bestand Spinoza darauf, dass das Vermögen an dessen Bruder ging. Aus dem Erbe sollte er eine Jahresrente von 500 Gulden erhalten; er ließ sie auf 300 Gulden herabsetzen, weil ihm das zum Leben genügte.
Ein Buch mit falschem Druckort
Den Anstoß zu seinem politischen Hauptwerk nannte Spinoza 1665 in einem Brief an Henry Oldenburg, den Sekretär der Royal Society in London. Sinngemäß schrieb er, er wolle gegen die Vorurteile der Theologen angehen, sich gegen den Vorwurf des Atheismus wehren und die Freiheit verteidigen, zu philosophieren und zu sagen, was man denkt, die durch die übergroße Macht der Prediger bedroht sei.
Wie berechtigt diese Sorge war, zeigte sich bald an einem Freund aus seinem Amsterdamer Kreis. Adriaan Koerbagh veröffentlichte 1668 unter einem Decknamen die religionskritische Schrift Een Bloemhof, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und starb im Oktober 1669 im Amsterdamer Zuchthaus.
Der Theologisch-politische Traktat erschien 1670 ohne Verfassernamen. Auf dem Titelblatt stand als Druckort Hamburg, tatsächlich wurde das Buch bei Jan Rieuwertsz in Amsterdam gedruckt. Schon der Untertitel nannte das Programm: Die Freiheit des Philosophierens lasse sich ohne Schaden für Frömmigkeit und Frieden des Gemeinwesens gewähren, und wer sie aufhebe, hebe beides mit auf. Ein zeitgenössischer Kritiker nannte es ein Buch, in der Hölle vom Teufel selbst geschmiedet. Im Juli 1674 verbot der Hof von Holland den Traktat zusammen mit dem Leviathan von Thomas Hobbes und zwei weiteren Schriften, doch das Buch blieb erhältlich, auch in Übersetzungen.
Die Bibel als Werk von Menschen
Einen großen Teil des Traktats widmet Spinoza der Bibel. Er las sie als Sammlung historischer Texte, geschrieben von Menschen ihrer Zeit mit deren Vorstellungen. Mose sei nicht der Verfasser der fünf Bücher, die seinen Namen tragen, die Propheten hätten sich durch eine lebhafte Vorstellungskraft ausgezeichnet und nicht durch überlegene Erkenntnis, und die Schrift wolle vor allem Gehorsam und Nächstenliebe lehren, keine Philosophie. Daraus folgte, dass Theologie und Philosophie getrennte Gebiete sind und dass niemand das Recht hat, im Namen der Schrift über das Denken anderer zu bestimmen. Mit dieser Methode gilt Spinoza als einer der Begründer der historisch-kritischen Bibelwissenschaft.
In der Ethik, die erst nach seinem Tod erschien, setzte er Gott mit der Natur gleich, in der Vorrede zum vierten Teil mit der knappen Wendung „Gott oder die Natur“. Als Atheist galt er vielen schon zu Lebzeiten.
Gedanken lassen sich nicht befehlen
Das 20. und letzte Kapitel des Traktats trägt eine Überschrift, die an einen Satz des römischen Historikers Tacitus anknüpft: In einem freien Staat dürfe jeder denken, was er will, und sagen, was er denkt. Spinozas Begründung ist nüchtern. Wären die Gedanken der Menschen so leicht zu lenken wie ihre Zungen, schreibt er gleich zu Beginn, säße jeder König sicher auf seinem Thron. Doch niemand kann sein Recht, frei zu urteilen, einem anderen übertragen, selbst wenn er es wollte, und jeder ist, in der englischen Übersetzung von R. H. M. Elwes, „by indefeasible natural right the master of his own thoughts“, also kraft unveräußerlichen Naturrechts Herr seiner eigenen Gedanken.
Ein Staat, der vorschreiben will, was als wahr zu gelten hat, verlangt deshalb Unmögliches. Er erreicht nur, dass die Menschen anders reden, als sie denken, und er fördert Schmeichelei und Treulosigkeit. Geizige und Schmeichler, die nur an ihren Vorteil denken, fügen sich ihnen leicht; Widerstand leisten gerade diejenigen, die gute Erziehung und Tugend freier gemacht haben. Gesetze gegen Meinungen, so heißt es bei Elwes, „affect the generous minded rather than the wicked“, sie treffen die Großherzigen eher als die Bösen. Es gebe kaum ein größeres Unglück für einen Staat, als wenn ehrenhafte Menschen wie Verbrecher in die Verbannung geschickt werden, nur weil sie Ansichten haben, die sie nicht verbergen können.
Wozu es den Staat gibt
Daraus folgt der berühmteste Gedanke des Buches. Der letzte Zweck des Staates, schreibt Spinoza, sei nicht zu herrschen oder die Menschen durch Furcht im Zaum zu halten. Er solle jeden von der Furcht befreien, damit er so sicher wie möglich leben und sein natürliches Recht, zu existieren und zu wirken, ohne Schaden für sich und andere wahren kann. Er dürfe die Menschen nicht zu Tieren oder Automaten machen und solle ihnen erlauben, ihre Vernunft frei zu gebrauchen. Daraus zieht Spinoza den Schluss: Der wahre Zweck des Staates ist die Freiheit (Kapitel 20, hier in eigener Übertragung).
Die beste Staatsform ist für ihn deshalb die Demokratie, die er im 16. Kapitel die natürlichste nennt und diejenige, die am besten mit der Freiheit des Einzelnen vereinbar ist. In ihr überträgt niemand sein Recht so vollständig, dass er nicht mehr mitreden kann, und alle bleiben Gleiche, wie sie es im Naturzustand waren.
Spinoza baut diese Lehre auf einem anderen Grund auf als die späteren Naturrechtsliberalen. Das Recht jedes Wesens reicht bei ihm so weit wie seine Macht, und auch der Staat beruht auf der vereinten Macht seiner Bürger. Folgerichtig verlangt er Gehorsam im Handeln: Wer ein Gesetz für unvernünftig hält, darf das sagen und um seine Abschaffung werben, soll es aber befolgen, solange es gilt. Über die äußeren Formen der Religion lässt er die Obrigkeit bestimmen, die innere Frömmigkeit bleibt frei. Gerade weil er so nüchtern von Macht und Nutzen her denkt, wiegt sein Ergebnis schwer: Selbst ein Staat, der nur an seine eigene Stabilität denkt, fährt am besten, wenn er die Gedanken freigibt.
Wo niemand nach dem Glauben fragt
Als Beweis führt Spinoza seine Heimatstadt an. Amsterdam ernte die Früchte dieser Freiheit in seinem großen Wohlstand und in der Bewunderung aller Völker. In dieser blühenden Stadt lebten Menschen jeder Nation und jeder Religion in größter Eintracht zusammen. Bevor man jemandem seine Güter anvertraue, frage man nur, ob er reich oder arm sei und ob er gewöhnlich ehrlich handle; nach Religion und Bekenntnis frage niemand, und vor Gericht spielten sie keine Rolle.
Ein Leben im Einklang mit der Lehre
Wie ernst Spinoza seine eigene Freiheit nahm, zeigte sich 1673. Im Auftrag des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz bot ihm der Heidelberger Professor Johann Ludwig Fabritius einen Lehrstuhl für Philosophie an, mit der Zusicherung größter Freiheit zu philosophieren, sofern er damit die öffentlich anerkannte Religion nicht störe. Spinoza dankte und lehnte am 30. März 1673 ab. Die Pflicht, junge Leute zu unterrichten, würde seine eigene Arbeit behindern, schrieb er, und er wisse nicht, in welchen Grenzen sich jene Freiheit halten müsse, um die Religion nicht zu stören.
Am 21. Februar 1677 starb er mit 44 Jahren, wahrscheinlich an einer Lungenkrankheit, die der Glasstaub vom Linsenschleifen verschlimmert haben mag. Seine Freunde gaben noch im selben Jahr die nachgelassenen Werke heraus und arbeiteten dabei im Verborgenen, damit die Manuskripte nicht beschlagnahmt wurden.
Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können
Die wichtigste Lehre ist die einfachste: Eine Regierung kann Handlungen erzwingen, aber kein Urteil. Wer es dennoch versucht, erzieht Heuchler und treibt gerade die Aufrichtigen in den Widerspruch.
Ebenso wertvoll ist die Art, wie er argumentiert. Spinoza zeigt den Herrschenden, dass die Freiheit des Denkens in ihrem eigenen Interesse liegt, weil eine Republik, die ihre Bürger frei denken lässt, friedlicher und wohlhabender ist.
Schließlich zeigt sein Leben, dass Unabhängigkeit auch eine Frage der Lebensführung ist. Der Historiker Jonathan Israel hat ihn in Radical Enlightenment (2001) ins Zentrum einer radikalen Aufklärung gestellt, und der Politikwissenschaftler Steven B. Smith hat ihn 1997 als Wegbereiter des Liberalismus gedeutet.
Denken, was man will
Spinoza hat als Ausgestoßener, ohne Amt und ohne mächtige Gönner, eine der klarsten Begründungen der Denkfreiheit geschrieben. Er tat es ohne Pathos, mit Argumenten, die auch ein misstrauischer Herrscher nachprüfen kann, und er zahlte dafür mit einem Leben am Rand. Die Überschrift seines letzten Kapitels beschreibt ein Glück, das schon Tacitus für selten hielt: denken zu dürfen, was man will, und sagen zu dürfen, was man denkt.
Zum Weiterlesen
- Baruch de Spinoza: Theologisch-politischer Traktat, übersetzt von Carl Gebhardt, herausgegeben von Günter Gawlick, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1994
- Baruch de Spinoza: Politischer Traktat, übersetzt von Wolfgang Bartuschat, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010
- Steven Nadler: Spinoza. A Life, Cambridge University Press, Cambridge 1999 (2. Auflage 2018)
- Steven Nadler: A Book Forged in Hell. Spinoza’s Scandalous Treatise and the Birth of the Secular Age, Princeton University Press, Princeton 2011
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.
Quellen
- Spinoza, Baruch de: Tractatus theologico-politicus, Amsterdam: Jan Rieuwertsz 1670 (Titelblatt fingiert „Hamburgi, apud Henricum Künraht“), bes. Kap. 16, 19, 20; Digitalisat: https://rp-digitalcollections.nypl.org/items/45e8cad0-a449-0134-43c6-00505686a51c
- Spinoza, Baruch de: A Theologico-Political Treatise, übers. von R. H. M. Elwes, London 1883; Project Gutenberg #989 bis #992, https://www.gutenberg.org/ebooks/992
- Spinoza, Baruch de: Theologisch-politischer Traktat, übers. von Carl Gebhardt, hrsg. von Günter Gawlick, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1994.
- Spinoza, Baruch de: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt, übers. von Wolfgang Bartuschat, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2007 (Teil IV, Vorrede).
- Spinoza, Baruch de: Politischer Traktat, übers. von Wolfgang Bartuschat, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010 (Kap. 11).
- Spinoza, Baruch de: Briefe 30 (an Oldenburg, 1665), 47 (Fabritius an Spinoza, 16.02.1673) und 48 (an Fabritius, 30.03.1673); Brief 47/48: https://spinozaweb.org/letters/82 und https://spinozaweb.org/letters/83
- Herem gegen Spinoza vom 27. Juli 1656, englische Übersetzung: https://web.mnstate.edu/mouch/spinoza/excomm.html
- Freudenthal, Jakob: Die Lebensgeschichte Spinoza’s in Quellenschriften, Urkunden und nichtamtlichen Nachrichten, Leipzig 1899 (darin Leibniz‘ Aufzeichnung zu „Ultimi barbarorum“ und Colerus‘ Biografie von 1705).
- Nadler, Steven: „Baruch Spinoza“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/spinoza/
- Steinberg, Justin: „Spinoza’s Political Philosophy“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, https://plato.stanford.edu/entries/spinoza-political/
- Nadler, Steven: Spinoza. A Life, Cambridge University Press, Cambridge 1999 (2. Aufl. 2018).
- Nadler, Steven: A Book Forged in Hell. Spinoza’s Scandalous Treatise and the Birth of the Secular Age, Princeton University Press, Princeton 2011.
- Nadler, Steven: „Why Spinoza Was Excommunicated“, https://brewminate.com/why-spinoza-was-excommunicated/
- Israel, Jonathan: Radical Enlightenment. Philosophy and the Making of Modernity 1650–1750, Oxford University Press, Oxford 2001.
- Smith, Steven B.: Spinoza, Liberalism, and the Question of Jewish Identity, Yale University Press, New Haven 1997.
- Encyclopaedia Britannica, 11. Aufl. 1911, Art. „Spinoza“ (Rente aus dem Erbe de Vries), https://kwx.liehendr.com/content/wikisource_en_all_maxi_2022-09/A/Page%3AEB1911_-_Volume_25.djvu/711
- Cambridge Spinoza Lexicon: „De Vries, Simon“, https://www.cambridge.org/core/books/cambridge-spinoza-lexicon/de-vries-simon-1633341667/043D644AA0941F442C48472D0442272B
- Verbot des Traktats durch den Hof von Holland, Juli 1674: https://www.abrahamicstudyhall.org/e-learning-en/theology-philosophy/tractatus-theologico-politicus-spinoza/ und https://spinozaweb.org/people/350
- Adriaan Koerbagh: https://en.wikipedia.org/wiki/Adriaan_Koerbagh und https://dbnl.org/tekst/bork001nede01_01/bork001nede01_01_0716.php
- Wikipedia (en): Baruch Spinoza, https://en.wikipedia.org/wiki/Baruch_Spinoza (Einstieg; Lebensdaten, Wohnorte, Todesursache nach Nadler und Gullan-Whur)
Beitragsbild: Baruch Spinoza (KI-Illustration)

