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Benjamin Franklin: Freiheit aus der Druckerwerkstatt

Im Herbst 1755 wurden Siedlungen an der Grenze Pennsylvanias überfallen. Nach den Angriffen im Tal des Susquehanna wollte die gewählte Versammlung der Kolonie, die Assembly, Geld für die Verteidigung bewilligen und dafür eine Steuer erheben, die auch die Ländereien der Familie Penn traf. Den Penns gehörte die Kolonie, sie ernannten den Gouverneur, und dieser blockierte auf ihre Weisung jedes Steuergesetz, das ihr Land belastete. Am 11. November antwortete die Assembly dem Gouverneur Robert Hunter Morris mit einem Schreiben, das ein Ausschuss mit Benjamin Franklin als mutmaßlichem Hauptverfasser entworfen hatte. Darin steht der Satz: „Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“

Zu Deutsch etwa: Wer wesentliche Freiheit aufgibt, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. Der Satz wird heute oft in Debatten über Überwachung zitiert, meist ohne seine Geschichte. Gemeint war ein konkreter Handel: Die Eigentümer stellten Geld für die Grenze in Aussicht, wenn die Assembly dafür auf ihr Recht verzichtete, ihr Land zu besteuern. Franklin verteidigte damit die Selbstregierung einer gewählten Vertretung gegen eine Eigentümerfamilie, die aus der Ferne regierte.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 17. Januar 1706 in Boston bis 17. April 1790 in Philadelphia
  • Wirken: Drucker und Verleger, Naturforscher, Abgeordneter in Pennsylvania, Agent der Kolonien in London, Gesandter in Frankreich, Mitglied des Verfassungskonvents
  • Hauptwerke: Poor Richard’s Almanack (ab 1732), „Apology for Printers“ (1731), „The Way to Wealth“ (1758), An Historical Review of the Constitution and Government of Pensylvania (1759), die Autobiografie
  • Unterschrieben: Unabhängigkeitserklärung (1776), Verträge mit Frankreich (1778), Frieden von Paris (1783), Verfassung der Vereinigten Staaten (1787)
  • In einem Satz: Ein Selfmademan der Aufklärung, der die freie Rede verteidigte, Bürger zur Selbsthilfe ermunterte und Macht wie Geld im Staat misstraute.

Vom Lehrling zum Verleger

Franklins Vater Josiah war Seifensieder und Kerzenmacher in Boston und hatte aus zwei Ehen siebzehn Kinder. Benjamin war nach eigener Auskunft der jüngste Sohn und das drittjüngste Kind. Knapp ein Jahr besuchte er die Lateinschule, danach eine Schreib- und Rechenschule, und mit zehn Jahren holte ihn der Vater in die Werkstatt. Mit zwölf kam er als Lehrling zu seinem älteren Bruder James, einem Drucker, und bildete sich fortan vor allem durch Lesen selbst.

James gab ab 1721 den New-England Courant heraus, eine freche Zeitung, die sich mit den Mächtigen Bostons anlegte. Der sechzehnjährige Benjamin schmuggelte ihr als erfundene Pfarrerswitwe Silence Dogood heimlich Briefe zu. Als James 1722 rund einen Monat im Gefängnis saß, weil das Blatt die Behörden kritisiert hatte, erschien kurz nach seiner Freilassung ein Dogood-Brief, der ausführlich aus Cato’s Letters zitierte, den englischen Streitschriften von John Trenchard und Thomas Gordon. Der oft Franklin zugeschriebene Satz, ohne Gedankenfreiheit gebe es keine Weisheit, stammt aus dieser Vorlage, die Franklin an seine Bostoner Leser weitergab.

1723 brach er den Lehrvertrag und ging nach Philadelphia. Nach zwei Jahren als Setzer in London (1724 bis 1726) machte er sich 1728 mit Hugh Meredith als Drucker selbstständig, übernahm 1729 die Pennsylvania Gazette und gab ab 1732 Poor Richard’s Almanack heraus. Mit 42 Jahren konnte er 1748 sein Druckgeschäft verkaufen und sich der Wissenschaft und dem öffentlichen Leben widmen. Seine elektrischen Versuche, darunter der berühmte Drachenversuch von 1752, brachten ihm 1753 die Copley-Medaille der Royal Society ein.

Wenn Wahrheit und Irrtum sich frei messen

Im Jahr 1731 hatte Franklin einen Handzettel für eine Schiffspassage nach Barbados gedruckt, dessen spöttischer Zusatz Geistliche und Prostituierte in einem Atemzug nannte. Aufgebrachte Leser drohten mit dem Entzug von Aufträgen. Franklin antwortete in der Gazette vom 10. Juni 1731 mit seiner „Apology for Printers“, wobei Apology im alten Sinn Rechtfertigung bedeutet. Drucker, schrieb er, seien in der Überzeugung erzogen, dass beide Seiten gehört werden sollten, wenn Menschen verschiedener Meinung sind, „and that when Truth and Error have fair Play, the former is always an overmatch for the latter“: Im fairen Wettstreit sei die Wahrheit dem Irrtum stets überlegen.

Dieselbe Großzügigkeit zeigte er in Glaubensfragen. In jungen Jahren war er, wie er in der Autobiografie bekennt, „a thorough Deist“ geworden. Als für den Erweckungsprediger George Whitefield in Philadelphia ein großes Versammlungshaus gebaut wurde, übertrug man es Treuhändern zum Gebrauch für Prediger jeder Konfession. Selbst ein Missionar, den der Mufti von Konstantinopel schickte, so Franklin, hätte dort eine Kanzel gefunden.

Bürger, die sich selbst helfen

Nachhaltig wirkten die Einrichtungen, die er mit Gleichgesinnten schuf. 1727 gründete er mit Freunden den Junto, einen Gesprächskreis zur gegenseitigen Weiterbildung. Aus ihm ging 1731 die Library Company hervor: Fünfzig Mitglieder zahlten je vierzig Schilling Einlage und einen Jahresbeitrag und kauften davon Bücher. Franklin nannte sie später „the mother of all the North American subscription libraries“. 1736 folgte die Union Fire Company, eine freiwillige Feuerwehr, später kamen die American Philosophical Society, eine Akademie, aus der die University of Pennsylvania wurde, und mit dem Arzt Thomas Bond das Pennsylvania Hospital hinzu. Bibliothek und Feuerwehr waren reine Bürgergründungen, Akademie und Hospital erhielten auch öffentliche Mittel.

Bezeichnend ist, wie er mit seinen Erfindungen umging. Für seinen sparsamen Kaminofen bot ihm Gouverneur Thomas ein Patent an. Franklin lehnte ab, nach einem Grundsatz, der ihn, wie er schreibt, immer geleitet habe: Da wir große Vorteile aus den Erfindungen anderer ziehen, sollten wir froh sein, anderen mit unseren eigenen zu dienen, und das „freely and generously“.

Seine Almanache verbreiteten eine Ethik der Selbstverantwortung, die er 1758 in „The Way to Wealth“ zusammenfasste. Dort klagen Leute über die drückenden Steuern, und der alte Father Abraham antwortet, die Steuern der Regierung wären noch zu tragen, doch Müßiggang besteuere uns doppelt, Stolz dreifach und Torheit vierfach so hoch. Er selbst führte zeitweise Buch über dreizehn Tugenden und gestand, die Vollkommenheit nie erreicht zu haben, durch den Versuch aber ein besserer Mensch geworden zu sein.

Laissez les faire

In wirtschaftlichen Fragen stand Franklin auf der Seite des offenen Handels. 1766 verteidigte er unter dem Namen „Arator“ in einer Londoner Zeitung die Bauern gegen ein Ausfuhrverbot für Getreide, das sie zwang, billiger zu verkaufen. Im selben Text steht seine bekannte Überlegung zur Armenfürsorge: „I am for doing good to the poor, but I differ in opinion about the means.“ Der beste Weg, den Armen zu helfen, bestehe darin, sie nicht in der Armut bequem einzurichten, sondern sie aus ihr herauszuführen oder herauszutreiben. Auf seinen Reisen habe er beobachtet, dass Arme umso weniger für sich selbst sorgten, je mehr öffentliche Vorsorge es gab.

Noch im Alter blieb er bei dieser Linie. Als sein englischer Freund George Whatley meinte, ein amerikanischer Unterhändler werde für einen Handelsvertrag Geduld brauchen, antwortete Franklin im Mai 1787, wenn der Vertrag nicht beiden Seiten nütze, solle man ihn eben nicht schließen: „Let the merchants on both sides treat with one another. Laissez les faire.“ Den oft zitierten Satz, noch nie sei eine Nation durch Handel ruiniert worden, sollte man dagegen vorsichtig behandeln. Er steht in Anmerkungen zu Whatleys Schrift Principles of Trade von 1774, die der Herausgeber Benjamin Vaughan 1806 nur mit dem Vorbehalt aufnahm, sie stammten vermutlich von Franklin oder kämen seinen Ansichten nahe.

Macht, Geld und eine Verfassung mit Fehlern

Auf dem Kongress von Albany 1754 warb er für einen Zusammenschluss der Kolonien mit einem gemeinsamen Rat, der Steuern erheben durfte. Die Kolonialparlamente lehnten ab oder befassten sich gar nicht damit, und London verfolgte den Plan nicht weiter. 1766 wurde Franklin vor dem britischen Unterhaus zum Stempelsteuergesetz befragt, und 1776 saß er im Ausschuss, der die Unabhängigkeitserklärung entwarf. In Paris gewann er Frankreich als Verbündeten und handelte mit John Adams und John Jay den Frieden von 1783 aus.

Am Verfassungskonvent von 1787 nahm er mit 81 Jahren teil. Am 2. Juni ließ er durch James Wilson eine Rede verlesen, eine seiner klarsten Äußerungen über die Macht. Zwei Leidenschaften, so Franklin, hätten großen Einfluss auf die menschlichen Angelegenheiten: „ambition and avarice; the love of power, and the love of money“. Wo ein Ehrenamt zugleich Gewinn verspreche, würden Menschen Himmel und Erde in Bewegung setzen, um es zu bekommen. Deshalb schlug er vor, die Spitze der Exekutive solle nur ihre Auslagen ersetzt bekommen und kein Gehalt beziehen. Der Konvent folgte ihm nicht, die Verfassung sieht für den Präsidenten eine Vergütung vor. Die Diagnose klingt aber wie eine frühe Fassung dessen, was Ökonomen später über die Anreize der Politik geschrieben haben.

Am letzten Tag stimmte er der Verfassung „with all its faults“ zu, mit all ihren Fehlern. Sie werde wohl eine Reihe von Jahren gut verwaltet werden und könne, wie andere Formen vor ihr, nur dann in Despotismus enden, wenn das Volk so verdorben sei, dass es einer despotischen Regierung bedürfe.

Der späte Kampf gegen die Sklaverei

Zur Wahrheit über Franklin gehört, dass sein Haushalt von 1735 bis 1790 versklavte Menschen besaß, mindestens sieben sind namentlich bekannt, und dass seine Gazette Verkaufs- und Fluchtanzeigen druckte. Unter dem Eindruck von Quäkern wie John Woolman und Anthony Benezet und des Londoner Somerset-Urteils von 1772 wandelte sich sein Denken. Seit 1787 war er Präsident der Abolitionsgesellschaft von Pennsylvania. Am 3. Februar 1790 unterzeichnete er in dieser Eigenschaft eine Petition der Gesellschaft an den Kongress, sein letzter öffentlicher Akt. Ein Ausschuss antwortete im März, die Verfassung verbiete vor 1808 jeden Eingriff in den Sklavenhandel. Als der Abgeordnete James Jackson aus Georgia die Sklaverei im Kongress verteidigte, antwortete der Vierundachtzigjährige mit einer Satire: Unter dem Namen „Historicus“ ließ er in der Federal Gazette vom 25. März einen erfundenen Würdenträger in Algier mit genau denselben Argumenten die Versklavung von Christen rechtfertigen. Wenige Wochen später, am 17. April 1790, starb er in Philadelphia.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die erste Lehre steckt in seinem berühmtesten Satz, richtig gelesen. Freiheit bedeutete hier ganz handfest das Recht einer Gemeinschaft, selbst über ihre Abgaben zu bestimmen.

Ebenso lehrreich ist sein Vertrauen in den offenen Wettstreit der Meinungen: Wer glaubt, die Wahrheit setze sich bei fairem Spiel durch, braucht keine Zensur. Und sein Leben zeigt, wie viel freiwillige Zusammenarbeit leisten kann. Bibliothek und Feuerwehr entstanden, weil Bürger sich zusammentaten, ohne auf einen Erlass zu warten, und seine Warnung vor der Verbindung von Macht und Geld im Staat hat nichts von ihrer Schärfe verloren. Dass er seine Haltung zur Sklaverei änderte und im hohen Alter öffentlich gegen sie eintrat, gehört ebenfalls zu diesem Bild.

Wenn Sie sie bewahren können

Nach dem Ende des Konvents soll eine Bürgerin Franklin gefragt haben, was die Versammlung geschaffen habe, eine Monarchie oder eine Republik. Seine Antwort ist nur durch die Notizen des Delegierten James McHenry überliefert, die Anekdote ist also mit Vorsicht zu lesen: eine Republik, wenn man sie bewahren könne. Dass keine Verfassung die Freiheit allein sichert, hatte Franklin in seiner Schlussrede selbst gesagt. Sie lebt von Bürgern, die lesen, streiten, sparen, sich zusammentun und sich ihre wesentlichen Rechte nicht für ein wenig vorübergehende Sicherheit abkaufen lassen.

Zum Weiterlesen

  • Benjamin Franklin: The Autobiography of Benjamin Franklin, frei zugänglich bei Project Gutenberg
  • Benjamin Franklin: „Apology for Printers“, Pennsylvania Gazette, 10. Juni 1731, in: The Papers of Benjamin Franklin, Founders Online
  • Benjamin Franklin: „The Way to Wealth“ (1758), in: The Complete Works in Philosophy, Politics and Morals, Bd. 3, London 1806
  • Walter Isaacson: Benjamin Franklin. An American Life, Simon & Schuster, New York 2003

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Franklin, Benjamin: „Apology for Printers“, Pennsylvania Gazette, 10. Juni 1731; Founders Online, https://founders.archives.gov/documents/Franklin/01-01-02-0061 (Volltext auch https://www.southerncrossreview.org/29/franklin.htm)
  • Pennsylvania Assembly (Ausschuss mit Benjamin Franklin): Reply to the Governor, 11. November 1755, in: Votes and Proceedings of the House of Representatives 1755–1756; Founders Online, https://founders.archives.gov/documents/Franklin/01-06-02-0107
  • Franklin, Benjamin: An Historical Review of the Constitution and Government of Pensylvania, Griffiths, London 1759 (Motto auf dem Titel)
  • Franklin, Benjamin („Arator“): „On the Price of Corn, and Management of the Poor“, London Chronicle, 27.–29. November 1766; Founders Online, https://founders.archives.gov/documents/Franklin/01-13-02-0194
  • Franklin, Benjamin: „The Way to Wealth“ (1758), Brief an George Whatley vom 18. Mai 1787, „On the Slave Trade“ (Historicus, 23. März 1790), in: The Complete Works in Philosophy, Politics and Morals of the late Dr. Benjamin Franklin, hg. von Benjamin Vaughan, 3 Bde., London 1806; Project Gutenberg Nr. 48136 bis 48138, https://www.gutenberg.org/ebooks/48137
  • Franklin, Benjamin: The Autobiography of Benjamin Franklin, Project Gutenberg Nr. 148 (mit Zeittafel), https://www.gutenberg.org/ebooks/148
  • Madison, James: Notes of Debates in the Federal Convention of 1787, Sitzungen vom 2. Juni und 17. September 1787, Avalon Project, https://avalon.law.yale.edu/18th_century/debates_602.asp und https://avalon.law.yale.edu/18th_century/debates_917.asp
  • Verfassung der Vereinigten Staaten, Art. II, Abschnitt 1, National Archives, https://www.archives.gov/founding-docs/constitution-transcript
  • Isaacson, Walter: Benjamin Franklin. An American Life, Simon & Schuster, New York 2003
  • Wittes, Benjamin: „What Ben Franklin Really Said“, Lawfare, https://www.lawfaremedia.org/article/what-ben-franklin-really-said
  • Massachusetts Historical Society: Object of the Month, August 2014 (New-England Courant, Silence Dogood), https://www.masshist.org/object-of-the-month/august-2014
  • Office of the Historian, U.S. Department of State: Albany Plan of Union, 1754, https://history.state.gov/milestones/1750-1775/albany-plan ; Treaty of Paris, 1783, https://history.state.gov/milestones/1776-1783/treaty
  • Benjamin Franklin House, London: „Benjamin Franklin and Slavery“, https://benjaminfranklinhouse.org/education/benjamin-franklin-and-slavery/
  • Law & Liberty: „Free Speech and the Rights of Printers“, https://lawliberty.org/?p=45871
  • Wikiquote: Benjamin Franklin (Varianten und Fehlzuschreibungen), https://en.wikiquote.org/wiki/Benjamin_Franklin
  • Wist Quotations: „Those who would give up essential Liberty …“, https://wist.info/franklin-benjamin/1514

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