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Max Stirner: Der Einzige gegen den Staat

Im November 1844 lag in den Buchhandlungen ein Werk aus dem Leipziger Verlag Otto Wigand, auf dessen Titelblatt bereits das Jahr 1845 stand. Sein Verfasser nannte sich Max Stirner und war im bürgerlichen Leben Johann Caspar Schmidt, Lehrer an einer Berliner Privatschule für höhere Töchter. Das Buch hieß Der Einzige und sein Eigentum, und es wurde in vielen deutschen Ländern verboten.

Wer es heute mit freiheitlichen Augen liest, findet Sätze, die jeder Staatskritiker unterschreiben möchte. Jeder Staat sei eine Despotie, schreibt Stirner, auch die Republik. Wenige Seiten später erfährt man allerdings, dass auch das Eigentumsrecht des Nachbarn für ihn nur ein Gespenst ist und dass ihm gehört, was er sich zu nehmen vermag. Stirner ist deshalb ein Verbündeter mit Vorbehalt: ein scharfer Diagnostiker der Macht, der zugleich jedes Fundament verwirft, auf dem sich eine Ordnung freier Menschen errichten ließe.

Steckbrief

  • Lebensdaten: 25. Oktober 1806 in Bayreuth bis 25. Juni 1856 in Berlin
  • Eigentlicher Name: Johann Caspar Schmidt; „Stirner“ war ein Spitzname wegen seiner hohen Stirn
  • Wirken: Lehrer an einer Berliner Mädchenschule (1839 bis 1844), Mitglied der junghegelianischen „Freien“, Übersetzer von Jean-Baptiste Say und Adam Smith
  • Hauptwerk: Der Einzige und sein Eigentum (Leipzig 1844, datiert 1845)
  • In einem Satz: Er entlarvte Staat, Moral und Menschheit als Ideen, denen der Einzelne geopfert wird, und erklärte mit derselben Konsequenz auch Recht und Eigentum zur bloßen Macht.

Ein Lehrer unter den Freien

Schmidt studierte ab 1826 in Berlin Philologie und evangelische Theologie und hörte dort unter anderem Schleiermacher und Hegel, dazu kamen Semester in Erlangen und Königsberg. Eine Laufbahn im Staatsdienst blieb ihm verwehrt, und so unterrichtete er von 1839 bis 1844 an einer privaten Töchterschule. Seit 1841 verkehrte er bei den „Freien“, einem linkshegelianischen Debattierzirkel um Bruno Bauer, der sich in Hippels Weinstube traf.

Aus diesem Milieu stammt sein einziges großes Buch, gewidmet seiner zweiten Frau Marie Dähnhardt. Es erschien in tausend Exemplaren und löste Antworten von Bauer, Ludwig Feuerbach, Moses Hess und Arnold Ruge aus. Karl Marx und Friedrich Engels widmeten Stirner in ihrer Deutschen Ideologie mehr als dreihundert gedruckte Seiten, die allerdings erst 1932 vollständig erschienen.

Sein Leben danach verlief glücklos. Ein Milchhandel scheiterte 1845, die Ehe zerbrach 1846, und 1853 und 1854 saß er zweimal in Schuldhaft. Er lebte unter anderem von Übersetzungen, darunter acht Bände von Say und Smith, und veröffentlichte 1852 eine Geschichte der Reaction. Er starb 1856 mit 49 Jahren in Berlin. Eine breitere Wirkung setzte erst ein, als der Schriftsteller John Henry Mackay ab 1889 für ihn warb.

Gespenster im Kopf

Stirners Ausgangsfrage ist einfach. Von allen Seiten werde ihm eine Sache aufgetragen, der er dienen solle: die Sache Gottes, der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, des Volkes, des Fürsten. Nur seine eigene Sache solle nie seine Sache sein. Er dreht das um und schließt die Vorrede mit dem Satz: „Mir geht nichts über Mich!“

Was er bekämpft, nennt er „Spuk“ oder „fixe Ideen“: Allgemeinbegriffe, die über dem wirklichen Menschen stehen und von ihm Opfer verlangen. „Mensch, es spukt in Deinem Kopfe; Du hast einen Sparren zu viel!“, heißt es im Abschnitt über die Besessenen in der ersten Abteilung. Gemeint sind nicht nur Götter, sondern ebenso „der Mensch“, die Moral, das Vaterland und die Gesellschaft.

Hier setzt seine Kritik an den religionskritischen Zeitgenossen an. Sie hätten Gott gestürzt und an seine Stelle „den Menschen“ gesetzt, dem man nun mit derselben Ehrfurcht begegnen müsse. Im einleitenden Teil des Abschnitts „Der Eigner“ fasst er das in einem Satz zusammen, der bis heute provoziert: „Unsere Atheisten sind fromme Leute.“ Dasselbe Muster sieht er im Liberalismus, den er in einen politischen, einen sozialen und einen humanen unterteilt und in allen drei Gestalten verwirft, weil jede den Einzelnen einem Ideal unterordnet, sei es dem Staatsbürger, der Gesellschaft oder der Menschheit.

Jeder Staat eine Despotie

Gegen den Staat schreibt Stirner mit einer Schärfe, die im Vormärz selten war. Im Abschnitt „Meine Macht“ heißt es: „Jeder Staat ist eine Despotie, sei nun Einer oder Viele der Despot, oder seien, wie man sich’s wohl von einer Republik vorstellt, Alle die Herren, d. h. despotisiere Einer den Andern.“ Entscheidend ist für ihn die Forderung, dem Gesetz zu gehorchen, gleich wer es beschlossen hat. Auch der Beschluss einer Volksversammlung bleibt ein fremder Wille.

Ebenso klar sieht er die doppelte Moral der Obrigkeit: „Des Staates Betragen ist Gewalttätigkeit, und seine Gewalt nennt er »Recht«, die des Einzelnen »Verbrechen«.“ Was ein Privatmann nicht tun darf, ohne bestraft zu werden, tut der Staat unter anderem Namen. In „Mein Verkehr“ beschreibt Stirner außerdem, wie der Staat sich zwischen die Menschen drängt. Arbeiter, die mehr Lohn erzwingen wollen, behandle er als Verbrecher, und Gedanken lasse er nur gelten, solange sie die seinen sind: „Meine Wege müssen seine Wege sein, sonst pfändet er Mich; meine Gedanken seine Gedanken, sonst stopft er Mir den Mund.“

Dazu gehört eine Beobachtung über das Eigentum unter staatlicher Herrschaft. Wer nur besitzt, was der Staat ihm lässt und jederzeit durch Enteignung, Beschlagnahme oder Prozesse wieder nehmen kann, ist nach Stirner kein Eigentümer, sondern ein Lehnsmann: „Unter der Herrschaft des Staates gibt es kein Eigentum Meiner.“

Der Verein der Eigennützigen

Was setzt Stirner an die Stelle von Staat und Gesellschaft? Er spricht vom „Verein von Egoisten“, einem Zusammenschluss, den man eingeht, weil er nützt, und wieder verlässt, wenn er nicht mehr nützt. Den Unterschied fasst er so: „die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du.“ Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt diesen Verein als ständig wechselndes Bündnis, in dem sich Menschen verbinden, ohne ihre Selbstbestimmung abzugeben.

Bemerkenswert für Freiheitsfreunde ist, wie nüchtern Stirner über Tausch und Gegenseitigkeit urteilt. Gegen die Hoffnung der Sozialisten auf eine Gesellschaft der Liebe schreibt er: „Ich will aber lieber auf den Eigennutz der Menschen angewiesen sein, als auf ihre »Liebesdienste«, ihre Barmherzigkeit, Erbarmen usw.“ Der Eigennutz, so seine Begründung, verlange Gegenleistung und lasse sich gewinnen, während man Barmherzigkeit nur erbetteln könne. Den Kommunismus Wilhelm Weitlings lehnt er ab, weil er ein „wahres Wohl“ für alle dekretiere und dem Einzelnen das eigene Wohl abspreche.

Auch einen Umsturz predigt er nicht. Revolution und Empörung seien zu unterscheiden: „Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ Laut der Stanford Encyclopedia sah Stirner keine allgemeine Pflicht, den Staat zu bekämpfen. Der Einzelne solle von Fall zu Fall entscheiden, und der Staat werde zerfallen, sobald sich der Egoismus ausbreite.

Wo es nicht passt

So weit klingt vieles vertraut. Der Bruch beginnt dort, wo Stirner seine Methode auf das anwendet, was Freiheitsdenker für den Schutz des Einzelnen halten. Wenn der Staat ein Spuk ist, dann ist es für ihn auch das Recht. Er nennt es einen „Sparren“, verliehen von einem „Spuk“, und leitet stattdessen alles aus der eigenen Kraft ab: „Ich bin zu Allem berechtigt, dessen Ich mächtig bin.“ Über die „heiligen, unveräußerlichen Menschenrechte“ spottet er, und wer sich auf sie beruft, verdient nach seinen Worten, ausgelacht zu werden.

Für das Eigentum hat das unmittelbare Folgen. Stirner verteidigt es nicht als Recht, sondern erklärt es zur Frage der Gewalt: „Was Ich in der Gewalt habe, das ist mein eigen.“ Das rechtlich geschützte Privateigentum sei keine Tatsache, sondern „eine Fiktion, ein Gedanke“. Gegenüber dem Besitz anderer kennt er keine Schranke außer der eigenen Schwäche, denn ihre Güter seien sein, und er verfüge über sie nach dem Maß seiner Gewalt. Ein Satz aus „Mein Verkehr“ zeigt die Logik ohne Umweg: „Wer die Sache zu nehmen und zu behaupten weiß, dem gehört sie, bis sie ihm wieder genommen wird, wie die Freiheit Dem gehört, der sie sich nimmt.“

Gegen Pierre-Joseph Proudhon, der das Eigentum Diebstahl nannte, hat Stirner zwar einen scharfsinnigen Einwand: „Mithin ist nicht das Eigentum Diebstahl, sondern durch das Eigentum erst wird ein Diebstahl möglich.“ Er verteidigt damit aber nicht den Eigentümer. Proudhon solle nur ehrlich sagen, dass man sich die Güter der Wenigen nehmen wolle, und das bürgerliche Eigentum verdiene ohnehin „die Angriffe der Kommunisten und Proudhons“.

Auch zwischen Menschen gilt bei ihm keine Pflicht. „Wir sind einander nichts schuldig, denn was Ich Dir schuldig zu sein scheine, das bin Ich höchstens Mir schuldig.“ Andere sieht er als Mittel: „Es ist Keiner Meinesgleichen, sondern gleich allen andern Wesen betrachte Ich ihn als mein Eigentum.“ Die Stanford Encyclopedia hält fest, dass Stirner dem Egoisten auch den Bruch des eigenen Wortes zugesteht und dass aus seiner Lehre folgt, selbst Mord, Inzest und Kindstötung könnten gerechtfertigt sein. Ein Nihilist im strengen Sinn sei er zwar nicht, weil er die Selbstbestimmung als Gut bejaht, aber eine Regel, die auch den Stärkeren bindet, kennt er nicht.

Man muss dabei genau sein. Dass Stirner kein Naturrecht kennt, trennt ihn nicht von allen Liberalen. Ludwig von Mises etwa glaubte, anders als Murray Rothbard, nicht an natürliche Rechte und begründete die Freiheit mit ihren Folgen für das Zusammenleben. Der eigentliche Unterschied liegt tiefer. Ob naturrechtlich oder aus Erfahrung begründet, der Liberalismus setzt auf allgemeine Regeln, die das Nehmen verbieten und den Tausch schützen. Stirners Verein lebt dagegen allein vom wechselnden Kräfteverhältnis seiner Mitglieder, und ein Verbot, sich am Nachbarn zu bereichern, gilt darin nur so lange, wie der Nachbar sich wehren kann.

Was sich von ihm lernen lässt

Trotzdem lohnt die Lektüre. Kaum jemand hat so genau beschrieben, wie Macht sich hinter großen Worten verbirgt. Wer im Namen des Volkes, der Gesellschaft oder des Gemeinwohls Opfer verlangt, muss sich seit Stirner die Frage gefallen lassen, wem dieses Opfer eigentlich nützt. Sein Hinweis, dass der Staat seine eigene Gewalt Recht nennt und die gleiche Handlung beim Bürger Verbrechen, gehört zum Grundbestand jeder Staatskritik.

Seine Skepsis gegenüber Weltverbesserern, die dem Einzelnen ein „wahres Wohl“ vorschreiben, trifft auch heutige Bevormundung. Sein Lob des Eigennutzes gegenüber der erbettelten Barmherzigkeit erinnert an den Gedanken Adam Smiths, dessen Werk Stirner selbst ins Deutsche übertrug, dass Menschen einander am verlässlichsten helfen, wenn beide Seiten etwas davon haben. Auch Freiheitsfreunde können sich fragen, ob ein Prinzip, das sie nicht mehr prüfen, nicht selbst zu jenem „Sparren“ geworden ist, vor dem er warnt.

Gewirkt hat er vor allem auf die Anarchisten. Im Kreis um Benjamin Tucker und dessen Zeitschrift Liberty fand er im späten 19. Jahrhundert begeisterte Leser, und die Stanford Encyclopedia zählt sein Buch zu den Gründungstexten des individualistischen Anarchismus.

Ein Lösungsmittel, kein Fundament

Max Stirner hat den Staat gründlich entzaubert und dabei nichts geschont, auch nicht die Begriffe, auf die sich Gegner des Staates stützen. Seine Kritik wirkt wie ein starkes Lösungsmittel: Sie löst den Lack von Herrschaftsansprüchen, greift aber ebenso die Rechte an, die den Schwachen vor dem Starken schützen. Wer sich von ihm schärfen lässt, gewinnt einen wachen Blick für jede Form der Vereinnahmung. Wer bei ihm eine Begründung sucht, warum niemand einem anderen sein Eigentum nehmen darf, wird nicht fündig. Für die Frage, auf welchem Boden eine freie Gesellschaft stehen soll, bleibt man auf andere Denker angewiesen.

Zum Weiterlesen

  • Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1845 (zahlreiche Neuausgaben, frei verfügbar bei Projekt Gutenberg-DE)
  • David Leopold: „Max Stirner“, Stanford Encyclopedia of Philosophy (überarbeitet 2023)
  • Rainer A. Bast: „Stirner, Max“, in: Neue Deutsche Biographie 25, Berlin 2013

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum, Otto Wigand, Leipzig 1845 [erschienen im November 1844]; zitiert nach dem Text bei Projekt Gutenberg-DE, https://projekt-gutenberg.org/authors/max-stirner/books/der-einzige-und-sein-eigentum/chapter/2 (Vorrede) bis /chapter/16 (Der Einzige); Fundstellen nach Abteilung und Abschnitt.
  • Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum, Erstausgabe digital im Deutschen Textarchiv, https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/stirner_einzige_1845
  • Leopold, David: „Max Stirner“, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, erstmals 2002, überarbeitet 29.10.2023, https://plato.stanford.edu/entries/max-stirner/
  • Bast, Rainer A.: „Stirner, Max“, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 359–360, https://www.deutsche-biographie.de/sfz81452.html
  • Liebmann, Otto: „Stirner, Max“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 36 (1893), S. 258–259, https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Stirner,_Max
  • Mises Wire: „Mises and the Lockean Proviso“ (zu Mises‘ Ablehnung des Naturrechts), https://mises.org/mises-wire/mises-and-lockean-proviso

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