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Henry David Thoreau: Das Recht, nicht zu gehorchen

An einem Sommernachmittag im Juli 1846 ging ein Mann aus dem Wald am Walden Pond hinunter in das Städtchen Concord in Massachusetts, um beim Schuster einen geflickten Schuh abzuholen. Unterwegs hielt ihn der Gefängniswärter Samuel Staples an und sperrte ihn ein, denn Henry David Thoreau hatte seit Jahren seine Kopfsteuer nicht bezahlt. Bald darauf beglich jemand die Schuld, vermutlich seine Tante Maria, doch Thoreau blieb über Nacht in der Zelle und kam erst am nächsten Morgen frei. Dann holte er seinen Schuh und war, wie er später schrieb, rechtzeitig zum Heidelbeeressen auf dem Fair-Haven-Hügel zurück im Wald.

Aus dieser kurzen Episode wurde ein politischer Text, der weit über Amerika hinaus gewirkt hat. Er erschien 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government und ist heute als Civil Disobedience bekannt, als Lehre vom zivilen Ungehorsam. Seine Grundfrage ist schlicht: Darf ein Staat von einem anständigen Menschen verlangen, dass er bei Unrecht mitmacht?

Steckbrief

  • Lebensdaten: 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts; gestorben am 6. Mai 1862 ebenda an Tuberkulose
  • Wirken: Essayist, Naturbeobachter, Landvermesser und Bleistiftmacher im Familienbetrieb; Vertreter des Neuengland-Transzendentalismus im Kreis um Ralph Waldo Emerson
  • Hauptwerke: A Week on the Concord and Merrimack Rivers (1849), Resistance to Civil Government (1849, später Civil Disobedience), Walden; or, Life in the Woods (1854), Slavery in Massachusetts (1854), A Plea for Captain John Brown (1859)
  • In einem Satz: Er bestand darauf, dass das Gewissen des Einzelnen keinem Gesetzgeber gehört, und lebte danach.

Ein Leben aus vielen Berufen

Thoreau wuchs in Concord auf, wo sein Vater ab 1823 Bleistifte herstellte. Das Geschäft brachte der Familie mit der Zeit ein gesichertes Auskommen, und die älteren Geschwister Helen und John halfen aus ihren Lehrergehältern, das Studium des Jüngeren in Harvard zu bezahlen. Nach dem Abschluss 1837 unterrichtete Thoreau zunächst an der Gemeindeschule und dann gemeinsam mit seinem Bruder an einer eigenen Schule, die sie 1841 schließen mussten. Danach lebte er eine Zeit lang als Hausgehilfe bei Emerson, um schreiben zu können.

Vom Schreiben allein konnte er nicht leben. Sein Geld verdiente er im Familienbetrieb und als Landvermesser für die Stadt und für Grundbesitzer. Er baute eine Maschine, die den Graphit fein mahlte, und fand eine Mischung aus Graphit und Ton, die einen gleichmäßigen Strich ergab. Die Thoreau-Bleistifte waren die ersten amerikanischen, die mit denen von Faber mithalten konnten. Als ihn sein Harvard-Jahrgang 1847 nach seinem Beruf fragte, zählte er auf, er sei Schulmeister, Hauslehrer, Landvermesser, Gärtner, Bauer, Anstreicher, Zimmermann, Maurer, Tagelöhner, Bleistiftmacher, Sandpapiermacher, Schreiber und gelegentlich ein Verseschmied, eine Aufzählung, die schlecht zum verbreiteten Bild des weltfremden Träumers passt.

Das Gewissen gehört niemandem sonst

Civil Disobedience beginnt mit einem Satz, den viele Freiheitsfreunde auswendig kennen. Thoreau nimmt das Motto auf, die beste Regierung sei die, die am wenigsten regiert, und denkt es zu Ende: Am besten sei die Regierung, die gar nicht regiert, und sobald die Menschen dafür bereit seien, würden sie diese Art von Regierung auch haben. Gleich danach stellt er klar, dass er als Bürger praktisch spricht. Er verlange nicht sofort keine Regierung, aber sofort eine bessere.

Den Kern des Essays bildet die Frage nach dem Gewissen. „Muss der Bürger auch nur für einen Augenblick oder im geringsten Maß sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat dann jeder Mensch ein Gewissen?“, fragt Thoreau. Man solle zuerst Mensch sein und erst danach Untertan. Ein Gesetz habe noch niemanden um ein Haar gerechter gemacht, wohl aber würden durch zu viel Achtung vor dem Gesetz selbst wohlmeinende Leute täglich zu Werkzeugen des Unrechts.

Gemeint waren der Krieg gegen Mexiko und die Sklaverei. In Walden nennt er als Grund seiner Verhaftung, dass er die Autorität eines Staates nicht anerkenne, der Männer, Frauen und Kinder wie Vieh vor der Tür seines Senatsgebäudes kaufe und verkaufe. Wer an einem solchen Unrecht nicht mitwirken will, muss nach Thoreau nicht abwarten, bis er die Mehrheit überzeugt hat. Wer mehr im Recht sei als seine Nachbarn, bilde bereits eine Mehrheit von einem.

Die Steuerquittung als Abstimmung

Thoreau begegnete dem Staat, wie er selbst schreibt, einmal im Jahr von Angesicht zu Angesicht, nämlich in der Person des Steuereinnehmers. Genau dann wollte er seine Zustimmung verweigern. Würden tausend Menschen in einem Jahr ihre Steuern nicht zahlen, so wäre das keine gewaltsame und blutige Maßnahme, schreibt er, wohl aber das Zahlen, weil es den Staat in die Lage versetze, Gewalt zu verüben und unschuldiges Blut zu vergießen. Das sei die Definition einer friedlichen Revolution. Den Steuereinnehmer, der ihn fragte, was er denn tun solle, beschied er knapp: Wenn er wirklich etwas tun wolle, solle er sein Amt niederlegen.

Dabei unterschied Thoreau sorgfältig. Die Wegesteuer habe er nie verweigert, denn er wolle ein ebenso guter Nachbar sein, wie er ein schlechter Untertan sei. Bei der Kopfsteuer gehe es ihm um keinen einzelnen Posten, er wolle dem Staat schlicht die Gefolgschaft aufkündigen. Eine spontane Wallung war das nicht, denn nach eigener Angabe hatte er sie bei seiner Verhaftung schon sechs Jahre lang nicht gezahlt.

Seine Schilderung der Gefängnisnacht gehört zu den schönsten Seiten des Essays. Er habe sich keinen Augenblick eingesperrt gefühlt, schreibt er, und die zwei bis drei Fuß dicken Mauern seien ihm wie eine Verschwendung von Stein und Mörtel vorgekommen. Der Staat könne einen Menschen nur am Körper packen, an seine Vernunft und sein Gewissen reiche er nicht heran, denn bewaffnet sei er allein mit größerer körperlicher Kraft, mit überlegenem Verstand oder größerer Redlichkeit dagegen nicht. „Ich bin nicht geboren, um gezwungen zu werden. Ich will auf meine eigene Weise atmen.“

Keiner Gesellschaft angehören, der man nicht beigetreten ist

Ein kleinerer Vorfall zeigt, wie grundsätzlich Thoreau dachte. Die Stadt verlangte von ihm einen Beitrag zum Unterhalt eines Geistlichen, dessen Predigten sein Vater besuchte, er selbst aber nie. Thoreau zahlte nicht und gab auf Bitten der Gemeindevertreter eine schriftliche Erklärung ab: Er, Henry Thoreau, wünsche nicht, als Mitglied irgendeiner Körperschaft betrachtet zu werden, der er nicht beigetreten sei. Der Stadtschreiber nahm das Papier entgegen, und die Forderung kam nie wieder. Am liebsten, fügt er hinzu, hätte er sich auf dieselbe Weise von allen Gesellschaften abgemeldet, denen er nie beigetreten war, nur habe er keine vollständige Liste gefunden.

In diesem trockenen Satz steckt ein ganzes Programm, denn eine Mitgliedschaft, um die man nicht gebeten hat, bindet nicht. Am Ende des Essays wendet Thoreau den Gedanken ins Große: Autorität brauche die Zustimmung der Regierten, und einen wirklich freien und aufgeklärten Staat werde es erst geben, wenn der Staat den Einzelnen als höhere und unabhängige Macht anerkenne, aus der all seine eigene Macht und Autorität hervorgehe. Thoreau stellt sich einen Staat vor, der es gelassen hinnimmt, wenn einige wenige abseits von ihm leben, sich nicht in ihn einmischen und doch alle Pflichten guter Nachbarn erfüllen.

Zwei Jahre am Walden Pond

Am 4. Juli 1845, dem Unabhängigkeitstag, zog Thoreau in ein Haus, das er am Ufer des Walden Pond auf einem Grundstück Emersons selbst gebaut hatte. Die Materialien kosteten ihn nach seiner eigenen Abrechnung 28 Dollar und zwölfeinhalb Cent. Zwei Jahre und zwei Monate lebte er dort, bis zum 6. September 1847, und legte darüber in Walden Rechenschaft ab. Er sei in den Wald gegangen, schreibt er, weil er bewusst leben wollte, um nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens zu begegnen und nicht im Sterben zu entdecken, dass er nicht gelebt habe.

Das erste Kapitel trägt den Titel Economy, und es ist tatsächlich eine Rechnung. Der Preis einer Sache, so Thoreau, sei die Menge an Leben, die man im Austausch für sie hergeben müsse. Thoreau stellte fest, dass er mit etwa sechs Wochen Arbeit im Jahr alle Kosten seines Lebens decken konnte und den Rest für Lesen, Gehen, Beobachten und Schreiben frei hatte. Reich sei ein Mensch im Verhältnis zur Zahl der Dinge, auf die er verzichten könne. Über den Handel urteilte er dabei hart. Er habe gelernt, dass der Handel alles verfluche, was er berühre, schreibt er an der Stelle, an der er den Plan verwirft, Beeren und Kräuter für den Verkauf zu sammeln, weil er seine Freiheit am höchsten schätzte.

Man muss diese Haltung nicht teilen, um aus ihr zu lernen. Thoreau predigte niemandem sein Modell. Er wolle nicht, dass irgendjemand seine Lebensweise übernehme, heißt es in Walden, denn er wünsche sich so viele verschiedene Menschen auf der Welt wie möglich, und jeder solle sorgfältig seinen eigenen Weg finden und gehen, nicht den seines Vaters, seiner Mutter oder seines Nachbarn. Wenn einer mit seinen Gefährten nicht Schritt halte, dann vielleicht, weil er einen anderen Trommler höre.

Gegen die Sklaverei

Thoreau mied organisierte Bewegungen, doch die Sklaverei ließ ihn nicht los. Am Walden Pond half er nach eigenem Bericht einem entflohenen Sklaven auf dem Weg nach Norden. Nachdem das Gesetz über entflohene Sklaven von 1850 auch Massachusetts verpflichtete, Geflohene an ihre Besitzer auszuliefern, hielt er mehrere leidenschaftliche Reden. In Slavery in Massachusetts von 1854 schrieb er, seine Gedanken seien Mord am Staat und schmiedeten unwillkürlich Pläne gegen ihn.

Am weitesten ging er im Oktober 1859, als er vor den Bürgern Concords John Brown verteidigte, der mit einer bewaffneten Schar das Bundesarsenal von Harpers Ferry überfallen hatte, um einen Sklavenaufstand auszulösen. Er teile Browns Lehre, dass ein Mensch das volle Recht habe, mit Gewalt gegen den Sklavenhalter einzuschreiten, um den Sklaven zu befreien. Er selbst wolle weder töten noch getötet werden, könne sich aber Umstände vorstellen, in denen beides unvermeidlich sei. Wer Thoreau nur als Lehrer der Gewaltlosigkeit kennt, sollte diese Rede kennen. Sie zeigt einen Mann, der das Unrecht der Sklaverei so ernst nahm, dass er selbst Gewalt zu ihrer Beendigung rechtfertigen konnte.

Was Freiheitsfreunde von ihm lernen können

Die erste Lehre betrifft die Zustimmung. Thoreau hat in einfachen Sätzen festgehalten, was für viele spätere Liberale selbstverständlich wurde: Eine Verpflichtung, der man nie zugestimmt hat, bindet nicht, und staatliche Macht leitet sich vom Einzelnen ab. Jeff Riggenbach hat ihn für das Mises Institute deshalb einen Gründervater des amerikanischen libertären Denkens genannt und die Linie zu Herbert Spencer gezogen, der zwei Jahre später in Social Statics das Recht verteidigte, den Staat zu ignorieren.

Die zweite Lehre ist die Mitverantwortung. Thoreau fragte weniger danach, was der Staat mit seinem Dollar kaufe, als danach, was seine eigene Gefolgschaft bewirke. Dieser Gedanke hat Gandhi gestärkt und Martin Luther King, der als Student am Morehouse College den Essay mehrmals las. Dort, schrieb King später, sei er zum ersten Mal mit der Theorie des gewaltlosen Widerstands in Berührung gekommen, fasziniert von der Idee, einem bösen System die Mitarbeit zu verweigern.

Die dritte Lehre ist vielleicht die persönlichste. Wer seine Bedürfnisse kennt und klein hält, ist schwerer zu erpressen, vom Staat wie von der eigenen Bequemlichkeit. Thoreau hat das vorgelebt, ohne es jemandem vorzuschreiben, und er hat jedem anderen ausdrücklich das Recht zugestanden, es ganz anders zu halten.

Eine Mehrheit von einem

Thoreau starb im Mai 1862 mit 44 Jahren in Concord, im zweiten Jahr des Bürgerkriegs, der die Sklaverei beenden sollte. Seine Sätze über das Gewissen werden heute überall dort zitiert, wo Menschen sich weigern, bei etwas mitzumachen, das sie für falsch halten. Sein Vermächtnis ist eine Frage, die Sie sich in jeder Lage stellen können, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu bitten: Wozu hat der Mensch ein Gewissen, wenn er es an der Garderobe des Gesetzgebers abgibt?

Zum Weiterlesen

  • Henry David Thoreau: Resistance to Civil Government (1849), als Civil Disobedience in zahlreichen Ausgaben, deutsch u. a. als Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
  • Henry David Thoreau: Walden; or, Life in the Woods (1854), deutsch als Walden oder Leben in den Wäldern
  • Jeff Riggenbach: Henry David Thoreau: Founding Father of American Libertarian Thought, Mises Institute, 2010

Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über Denker, Macher und historische Figuren der Freiheit.

Quellen

  • Thoreau, Henry David: Resistance to Civil Government, in: Elizabeth P. Peabody (Hg.), Aesthetic Papers, Boston 1849; später als Civil Disobedience. Text: Project Gutenberg #71, https://www.gutenberg.org/ebooks/71
  • Thoreau, Henry David: Walden; or, Life in the Woods, Ticknor and Fields, Boston 1854. Text: Project Gutenberg #205, https://www.gutenberg.org/ebooks/205
  • Thoreau, Henry David: A Yankee in Canada, with Anti-Slavery and Reform Papers, Ticknor and Fields, Boston 1866 (mit „Slavery in Massachusetts“, „Civil Disobedience“, „A Plea for Captain John Brown“, „Life without Principle“). Text: Project Gutenberg #70123, https://www.gutenberg.org/ebooks/70123
  • Thoreau, Henry David: A Plea for Captain John Brown, Vortrag in Concord am 30. Oktober 1859. Text: Project Gutenberg #2567, https://www.gutenberg.org/ebooks/2567
  • King, Martin Luther Jr.: The Autobiography of Martin Luther King, Jr., hg. von Clayborne Carson, Kap. 2 „Morehouse College“, https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/publications/autobiography-martin-luther-king-jr-contents/chapter-2-morehouse-college
  • Deutsche Ausgaben: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und Walden oder Leben in den Wäldern (u. a. Diogenes, Zürich)
  • Witherell, Elizabeth; Dubrulle, Elizabeth: „Life and Times of Henry David Thoreau“, The Writings of Henry D. Thoreau, University of California, Santa Barbara, https://thoreau.library.ucsb.edu/thoreau_life.html
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Henry David Thoreau“, https://plato.stanford.edu/entries/thoreau/
  • Walden Woods Project, Thoreau Log: Juli 1846 (nach Walter Harding, Thoreau’s Incarceration), https://www.walden.org/log-entry/july-1846-concord-mass-2/
  • Walden Woods Project: „John Thoreau and Co. Pencils“, https://www.walden.org/what-we-do/library/bibliography-thoreau-contemporaries/john-thoreau-and-co-pencils/
  • Walden Woods Project: Thoreau’s Lectures before Walden, Lecture 14, https://walden.org/thoreaus-lectures-before-walden-lecture-14
  • Riggenbach, Jeff: „Henry David Thoreau: Founding Father of American Libertarian Thought“, Mises Daily, 15. Juli 2010, https://mises.org/mises-daily/henry-david-thoreau-founding-father-american-libertarian-thought
  • Wikipedia (en): Henry David Thoreau, https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_David_Thoreau (Lebensdaten, Walden-Daten; abgeglichen)
  • Wikipedia (en): Civil Disobedience (Thoreau), https://en.wikipedia.org/wiki/Civil_Disobedience_(Thoreau) (Publikationsgeschichte)

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